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III . DAS OPUS CAROLI REGIS UND DIE KUNST

( c . III 23)

Auch Kunsthistoriker interessieren sich für das Opus Caroli regis , und ihr besonderes Interesse gilt

c . III 23 mit seinen Hinweisen auf konkrete Kunstwerke . Theodulf erwähnt hier Werke , die er mit

eigenen Augen gesehen hat , und beschreibt klassische Kunstwerke , die zu seiner Zeit noch existent waren

( siehe oben S . 441 , 20442 , 20 und Einleitung S . 33 ; vgl . FREEMAN , Theodulf and the Libri Carolini

S . 702) . Auch wenn er keine Hinweise auf die Ander Werke gibtob es sich um Mosaiken , Wandmale

rei , Skulpturen , Metallarbeiten oder Buchmalerei handelt –, zeigt eine genaue Analyse doch , daß Hand

schriften für ihn eine bedeutende Quelle darstellten . Suzanne DUFRENNE , Les illustrations du Psautier

d ' Utrecht . Source et apport carolingien ( 1978) , hat die Fülle klassischer Vorbilder deutlich gemacht , die

in der Karolingerzeit noch zur Verfügung standen ( vgl . besonders den AbschnittL ' Univers ", S . 70 ff .).

So sehr Kunsthistoriker das Zeugnis des Opus Caroli regis zur Lebendigkeit klassischer Motive zu

schätzen wissen , waren einige doch verwirrt durch den deutlichen Widerspruch zwischen der Behand

lung von Personifikationen und mythischen Figuren in c . III 23 und der offensichtlichen Beliebtheit

solcher Motive in der Zeitbesonders wenn sie das Kapitel als Beleg für die offizielle Politik des karo

lingischen Hofes nahmen . Franz Friedrich LEITSCHUH , Geschichte der Karolingischen Malerei ( 1894)

meinte zur Einbeziehung antiker Elemente in die Kunst der Zeit : „... obwohl gerade in den karolingi

schen Büchern diese Personifikationen als falsch und unbiblisch angefochten werden " ( S . 275) , und an

anderer Stelle merkt er an : „ Den Einflüssen der antiken Kunst auf die Malerei der Karolinger treten

also scheinbar die karolingischen Bücher entgegen " ( S . 35) . George HENDERSON formuliert in seinem

EssayEmulation and Invention in Carolingian Art " ( in : Carolingian Culture . Emulation and Inno

vation , hg . von Rosamond MCKITTERICK [ 1994 ] S . 248273) eine ähnliche Beobachtung : „ It is true

that the Libri Carolini ... adopts a censorious tone towards the representational arts , seeking to set strict

limits on both subject - matter and intellectual scope . But all that carefully mapped - out forbidden territo

ry is exactly where Carolingian artists were to be the most active " ( S . 257) .

Urteile wie diese gehen wie selbstverständlich davon aus , daß Opus Caroli regis sei wie ein könig

liches Dekret im Frankenreich verbreitet gewesen und alles , was darin alsgegen die Schrift " ( so eine

oft wiederholte Formulierung in c . III 23) bezeichnet wird , sei den Christen verboten gewesen . Bedenkt

man allerdings den Kontext , wird deutlich , daß ein so umfassendes Verbot gar nicht intendiert ist .

Es finden sich auf diesen Seiten weder eine Schmähung noch ein Verbot künstlerischer Motive . Dabei

muß man allerdings die literarische Strategie Theodulfs , die er in diesem Kapitel verfolgt , ebenso im

Auge behalten wie die Fragen , die er an jedes der von ihm beschriebenen Motive stellt . Die im Opus

Caroli regis formulierte Verdammung richtet sich nur gegen die Griechen und ihre Wortführer auf dem

zweiten Konzil von Nicaea ( siehe oben S . 440 Anm . 3) , die in ihrer Unbesonnenheit behauptet hatten :

Non contraeunt pictores Scripturis , sed ... concordes sunt Scripturarum ( S . 440 , 79) . Theodulf

wußte sehr wohl , daß jeder Maler über einen reichen Schatz an Figuren und Szenen aus der heidnischen

Antike verfügte , die unglaubhaft und zum Teil verabscheuungswürdig waren ; von solchen Bildern eine

Übereinstimmung mit der Heiligen Schrift zu behaupten , wäre absurd , und eine solche Behauptung ist

auch in Nicaea niemals aufgestellt worden , wo es nicht um die heidnische , sondern allein um die christ

liche Ikonographie ging . Aus strategischen Gründen schien es Theodulf aber wohl wirkungsvoller zu

sein , etwas anderes zu behaupten .

Sein Katalog antiker Motive in Kunst und Literatur ( S . 441 , 14445 , 16) ist immer wieder von

rhetorischen Fragen unterbrochen , die die Unvereinbarkeit der beiden Traditionen betonen . Die heid

nische Tradition wird als so sehr der christlichen unterlegen angesehen , daß die beiden nicht nur nicht

in Einklang gebracht , sondern in gar keiner Weise zueinander in Beziehung gesetzt werden können .