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I . Geschichtlicher Überblick im Spiegel der Urkunden

Lothar II . 1 ), Lothars I . zweiter Sohn , dürfte um 835 in Italien geboren sein ; viel

leicht ist er schon einbegriffen , wenn am 7 . März 835 der Gebetspassus im D . 35 Lothars I .

von filii spricht . Er wird zu 841 als parvulus erwähnt und tritt 855 erstmals in der Ge

schichte auf , als sein Vater ihm die Regierung von Friesland übertrug . Im September des

gleichen Jahres fiel ihm durch Reichsteilung , Abdankung und Tod Lothars I . die Königs

gewalt in einem weiten Gebiete zu , das bis auf die Provence und den Dukat von Lyon ( den

Anteil des jüngsten Sohnes Karl) das Mittelreich nördlich der Alpen umfaßte und als

„ Lotharingien " eine eigene geschichtliche Größe werden sollte . Über die Aufteilung des

Mittelreiches bestand aber keineswegs von vornherein allseitiges Einvernehmen : Kaiser Lud

wig II . begehrte einen Anteil an den außeritalischen Ländern , während Lothar den Bruder

Karl von der Herrschaft ausschließen wollte . Nach den Quellenberichten scheinen weniger

die Karolingerfürsten selber als vielmehr die Großen des Mittelreiches für eine Stabilisierung

der politischen Ordnung gesorgt zu haben . Sie gewannen für Lothar Rückhalt bei Ludwig

dem Deutschen , indem sie ihren jungen König nach Frankfurt geleiteten und ihm dort ,

also außerhalb seines Teilreiches , cum consensu et favore des ostfränkischen Oheims

huldigten . Vom 26 . Oktober 855 bis zum 13 . Februar 856 ( DD . 1 – 4) ist Lothar dann

in Aachen nachweisbar ; sicherlich an dieser Stätte folgten Anfang 856 kirchliche

Salbung und Krönung . Die Bindung Lothars an den mächtigen Hochadel seines Reichs

teiles festigte sich noch in besonderer Weise : ungeachtet einer schon bestehenden Friedelehe

mit Waldrada ( deren genealogischer Zusammenhang mit dem elsässischen Etichonenhause

eine ungesicherte Kombination bleibt) vermählte sich der König , anscheinend schon 855 ,

mit Theutberga , der Schwester jenes Hukbert , der aus Lothars I . D . 96 als Laienabt von

Saint - Maurice d ’ Agaune bekannt ist und , vielleicht auf Grund ausdrücklicher Verleihung

durch Lothar II ., den für die Abschirmung gegen Italien bedeutsamen Dukat zurischen

Jura und Alpen beherrschte ; in den DD . 1 . 2 Lothars II . begegnet er als Intervenient .

Dieses Bündnis trug seine Früchte , denn bei einer Begegnung der drei Brüder , die etwa

im Sommer 856 zu Orbe in Hukberts Herrschaftsbereich stattfand , ließ Ludwig II . seine

Gebietsforderungen fallen ; freilich mußte auch Lothar auf Drängen der provenzalischen

Großen , unter denen sicherlich der aus den DD . 68 . 126 Lothars I . bekannte Gerhard von

Vienne eine führende Rolle spielte , dem jüngsten Bruder Karl den vom Vater zugedachten

Reichsteil überlassen . Auf diesen erzwungenen Verzicht werden sich die Worte des D . 9

von der regni diminoratio beziehen . Als südlichste Bezirke seines Reiches läßt D . 15 die

Grafschaften Portois und Bassigny erkennen .

Im ganzen aber kann , besonders für die ersten Jahre , keine Bede davon sein , daß

sich von der Geschichte Lothars II . vieles in den Urkunden widerspiegle . Wohl geben sie

1 ) Ausführliche Darstellungen bei E . Dümmler , Geschichte des Ostfränkischen Reiches ( 2 1887 ;

Neudruck 1960) I 391 ff ., II 1 ff . und R . Parisot , Le royaume de Lorraine sous les Carolingiens

( 1899) 78 ff . ( vgl . oben S . 3 Anm . 1) . Hier und bei Böhmer - Mühlbacher finden sich die Einzelbelege

aus den Quellen .