Abteilungen

I . Geschichtlicher Überblick im Spiegel der Urkunden

Lothar I . 1 ), der älteste Sohn aus Ludwigs des Frommen erster Ehe , wurde im J . 795

geboren , sicherlich irgendwo in Aquitanien , wo Ludwig , nominell bereits seit 781 , als

Unterkönig regierte . Nach dem Thronwechsel von 814 wurde Lothar seinerseits als König in

Baiern eingesetzt , aber diese seine Funktion blieb eine kurze Episode , denn die Ordinatio

Imperii von 817 erhob ihn zum künftigen Repräsentanten der Reichseinheit und damit zu

einer Schlüsselgestalt der fränkischen Geschichte . Gleichzeitig ward er zum Kaiser gekrönt

und zum Mitregenten ernannt , aber von einer tatsächlichen Beteiligung an der Regierung

verlautet vorerst nichts . Aus den folgenden Jahren wissen wir nur , daß im Oktober 821 auf

der Reichsversammlung in Diedenhofen Lothars Vermählung mit Irmingard , der Tochter

des Grafen Hugo von Tours , gefeiert wurde .

Erst im Herbst 822 erhielt er eine politische Aufgabe : von Attigny aus , wo wiederum

eine bedeutsame Reichsversammlung getagt hatte , entsandte ihn der Vater nach Italien .

Das einstige Langobardenreich , das unter Karl dem Großen als fränkisches Unterkönigtum

fortbestanden hatte , war seit dem Ende des unglücklichen Bernhard ( 818) ohne eigenen

Regenten und bedurfte offenbar sehr der ordnenden Hand . Es wäre gewiß müßig , diese

Regelung nach präzis - abstrakten verfassungsrechtlichen Maßstäben bestimmen zu wollen ,

aber wenn Lothar , da er ja bereits Kaiser war , begreiflicherweise nicht den langobardisch

italischen Königstitel führte , so gibt es doch genug Kriterien , die seine Herrschaft durchaus

als ein mit eigener Autorität ausgestattetes Unterkönigtum kennzeichnen , obgleich er

keineswegs ständig im Lande residierte . Entscheidend ist , daß er im eigenen Namen

Kapitularien verkündete ( M . 2 nº 1016 – 18 . 1021 . 1024 – 26) und daß jetzt auch die

Reihe seiner Urkunden einsetzt . Gleich eine der ersten , D . 3 für Como , bestätigt ein Privileg

Ludwigs und läßt Lothar überhaupt als Nachfolger der langobardischen und fränkischen

Herrscher Italiens auftreten . Die Kaiserkrönung durch Paschalis I . am Ostertage 823

( selbst wenn ihr keine konstitutive Bedeutung zukam) und die im Herbst 824 erlassene

Constitutio Romana ( M . 2 nº 1021) festigten seine Autorität erst recht . Lothars Diplome

wurden von einer eigenen Kanzlei ausgefertigt , die sogar in Tätigkeit blieb , nachdem er im

Sommer 823 Italien erstmals wieder verlassen hatte ( DD . 2 . 3) . Das offensichtlich genau

abgewogene Protokollformular nimmt zwar in Titel und Datierung ausdrücklich auf

Ludwigs Oberhoheit Bezug , zählt daneben aber besondere Herrscherjahre Lothars , die

durchweg als anni regni in Italia bezeichnet werden ( DD . 1 . 2 . 4 . 5 ; im D . 3 – falls

1 ) Für die Einzelunterrichtung sind die älteren Werke grundlegend geblieben : B . Simson ,

Jahrbücher des Fränkischen Reiches unter Ludwig d . Fr . I , II ( 1874 / 76) ; E . Dümmler , Geschichte

des Ostfränkischen Reiches I ( 2 1887 ; Neudruck 1960) ; für die Zeit von 843 an : R . Parisot , Le

royaume de Lorraine sous les Carolingiens ( 1899) ; für Lothars I . und Ludwigs II . Herrschaft in

Italien : G . Eiten , Das Unterkönigtum im Reiche der Merovinger und Karolinger ( 1907) 73 ff . 139 ff .

Dort und in den Regesten Mühlbachers sind die Quellenbelege für die im folgenden berührten Fakten

leicht zu ermitteln . Die lebhaften und sehr förderlichen Erörterungen aus jüngerer Zeit über die Re

gierung Ludwigs d . Fr ., über den Kampf um die Einheit des Reiches und über den Vertrag von Verdun

können hier , wo es um Edition und Verständnis der Urkunden geht , außer Betracht bleiben .